Gleichwürdigkeit

Weil wir alle mehr Augenhöhe brauchen!

In diesem Artikel geht es ums Thema Gleichwürdigkeit, und warum wir alle mehr Augenhöhe vertragen könnten. Viel Spass beim lesen!

Auf dem Bild zu sehen ist eine Mutter mit ihren beiden Kindern am Tisch. Alle strahlen und sind miteinander in Beziehung. Die Gleichwürdigkeit in der Familie ist deutlich spürbar.

Veröffentlichung: 17. März 2025

Jesper Juul kreierte den Begriff "Gleichwürdigkeit" als Grundlage für respektvolle und wertschätzende Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Doch was genau bedeutet dieser Begriff und wie kann er unser Zusammenleben bereichern?

Was ist Gleichwürdigkeit?

Gleichwürdigkeit ist die Kombination von Gleichheit und Würde. Es bedeutet, dass wir unser Gegenüber - sei es ein Kind oder ein Erwachsener - genauso ernst nehmen wie uns selbst. Wir respektieren die innere Würde des anderen und anerkennen, dass jeder Mensch eigene Träume, Wünsche, Bedürfnisse und Ambitionen hat. Wichtig ist: Gleichwürdigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Gleichbehandlung oder Gerechtigkeit. Wir sind nicht gleich und es bedeutet auch nicht, gleiches Recht für alle. Es geht vielmehr darum, die Unterschiedlichkeit jedes Individuums zu respektieren und wertzuschätzen.

Gleichwürdigkeit bedeutet nicht, dass wir allen Wünschen und Bedürfnissen des anderen entsprechen müssen. Es geht vielmehr darum, diese anzuerkennen und zu respektieren, auch wenn wir ihnen nicht immer nachkommen können oder wollen. Gleichwürdigkeit bedeutet ausserdem auch nicht, dass Kinder und Erwachsene auf derselben Ebene stehen oder die gleichen Rechte und Pflichten haben. Es ist keine Gleichwertigkeit oder Ebenbürtigkeit. Erwachsene verfügen aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrung über mehr Wissen, Kraft und Macht. Sie haben die Verantwortung, für das Wohlergehen ihrer Kinder zu sorgen. Sie sind diejenigen, die die Entscheidungen treffen. Nur die Art, wie sie dies tun, da hat sich die Gleichwürdigkeit als eine sehr wertvolle Orientierung herausgestellt.

Wie würde unser Zusammenleben aussehen?

Stellen wir uns eine Welt vor, in der wir uns alle gleichwürdig behandeln. In unseren Familien würden Kinder sich gesehen, gehört und als Individuen ernst genommen fühlen. Sie würden in einem sicheren Hafen aufwachsen, in dem sie Wertschätzung erfahren. Dies hätte die Folge, dass unsere Kinder sich zu einfühlsamen Menschen entwickeln würden, die freiwillig etwas zur Gemeinschaft beitragen möchten und in der Lage wären, nach konstruktiven Lösungen zu suchen, wenn zwei verschiedenen Bedürfnisse aufeinandertreffen. In der Gesellschaft würden wir einander mit mehr Respekt und Verständnis begegnen. Wir würden die Unterschiedlichkeit jedes Menschen anerkennen und wertschätzen, anstatt sie zu kritisieren oder zu verurteilen. Konflikte könnten konstruktiver gelöst werden, da wir die Bedürfnisse und Gefühle aller Beteiligten ernst nehmen würden und wir uns nicht aufgrund mangelndem Selbstwert oder vielen anderen unerfüllten Bedürfnissen versuchen würden, „möglichst gut“ zu positionieren, um nicht zu kurz zu kommen. Wahre Gemeinschaft wäre so wieder viel einfacher lebbar, ohne Angst haben zu müssen, ausgenutzt zu werden oder am Ende „in die Röhre zu kucken“.

Gleichwürdigkeit in der Praxis: Ein Frühlingsbeispiel

Damit dieser abstrakte Begriff für den Familienalltag greifbarer wird, nehme ich nun gern ein aktuelles Beispiel zu Hilfe. Die Temperaturen steigen nun ja wieder und damit kommt auch wieder die Zeit, in der in vielen Familien vermehrt Aktivitäten im Freien stattfinden. Damit stellen sich allerdings gerade auch mit mehreren Kindern gleich eine Reihe von Fragen: Was machen wir und wo genau? Und wer entscheidet das auf welcher Basis? Denn oft ist es ja nicht so, dass sich die Kinder sofort einig sind, was nun, wo der langersehnte Frühling endlich da ist, zu spielen sei. Oft genug hat jedes Kind seine eigenen, unterschiedlichen Vorstellungen davon, was es draussen machen möchte. Und ich als Elternteil hätte da ja auch noch so meine eigenen Ideen. Wie kann uns die Haltung der Gleichwürdigkeit hier nun weiterhelfen?

1) Gleichwürdigkeit bedeutet, dass jede Person sich zu seinen Wünschen und Vorstellungen äussern kann, ohne dass diese diskutiert oder abgewertet werden. Jedes Kind (und auch der Elternteil!) darf äussern, was für sie die Wunschaktivität wäre und alle hören zu!

2) Hinter jedem Wunsch steckt ein Bedürfnis. Es ist demnach die Verantwortung der erwachsenen Person, herauszuhören, welches Bedürfnis hinter dieser Wunschäusserung steht. Möchte ein Kind zum Beispiel Fussball spielen, könnte dahinter das Bedürfnis nach Bewegung oder auch nach Spiel und Spass stehen. Ein anderes Kind möchte vielleicht mit der Wasserbahn spielen, die nun monatelang im Keller verstaut war. Hier könnte das Bedürfnis Spiel und Spass oder auch Kreativität dahinter stecken. Die erwachsene Person selbst möchte vielleicht einen Spaziergang im Wald machen. Dahinter könnte wiederum Bewegung, aber auch Entspannung und Ruhe stecken.

Du siehst, es steckt nicht immer nur ein mögliches Bedürfnis hinter einer Wunschäusserung, deshalb kann die Lösung, auch wenn der Wunsch gleich lautet, jedes Mal auch anders aussehen. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, diese Bedürfnisse dahinter aufzudecken. Bei Kindern, die damit noch nicht so geübt sind, geben wir Vorschläge im Sinne von: Ach du möchtest Fussballspielen. Brauchst du grad Bewegung? Oder möchtest du lieber Spiel und Spass haben? Und so gehen wir gemeinsam auf die Suche, bis wir bei allen eine Idee haben, worum es gehen könnte. (Um der Frage vorzubeugen: Ja, du gehst immer so vor, auch wenn dein Kind noch nicht (so gut) sprechen kann! Auch wenn es die einzelnen Worte noch nicht so versteht oder sich noch nicht so gut äussern kann – es wird sich von dir ernst genommen und gesehen fühlen und, wenn du auf dem Holzweg bist, wird es dir dies auch in einer anderen Form mitteilen. Beobachte dein Kind und ihr werdet euch verstehen)

3) Nachdem sich alle Beteiligten äussern durften und ihr eine Idee davon habt, welche Bedürfnisse dahinterstecken, sucht ihr gemeinsam nach kreativen Lösungen! Braucht Kind 1 Bewegung, Kind 2 Kreativität und die erwachsene Person Ruhe und Entspannung – dann macht ihr vielleicht eine kleine Fahrradtour in den nahe gelegenen Wald. Kind 1 kann dort Klettern und rumtoben, Kind 2 kann sich Walduntensilien suchen, eine Waldhütte bauen oder was auch immer dem Kind so einfällt und die erwachsene Person setzt sich in die Waldlichtung und liest ein Buch, hört einen Podcast oder macht auch einfach mal nichts.

Sei in dieser Phase gern auch kreativ und vor allem: OFFEN für die Vorschläge, die vielleicht von den Kindern kommen könnten. Und mit ein bisschen Übung und Routine macht das auch allen Beteiligten Spass, denn es ist für alle spürbar: Wir achten darauf, dass möglichst alle das erhalten, was sie brauchen.

4) Nur: wer entscheidet am Schluss, was tatsächlich gemacht wird? Hier ist die Antwort aus beziehungsorientierter Sicht ganz klar: Die erwachsene Person trifft die Entscheidung. Sie berücksichtigt dabei die Wünsche und Bedürfnisse aller, aber auch praktische Aspekte wie Zeit, Ort und Machbarkeit.

5) Ja, es gibt Situationen, in denen nicht alle Bedürfnisse erfüllt werden können. Und ja, manchmal lassen sich die Kinder nur schwer (oder gar nicht) für kreative Alternativen begeistern. Gleichwürdigkeit bedeutet nicht, dass jede Person ihren Willen bekommt. So ist das manchmal. Es bedeutet, dass jeder gehört und respektiert wird, und dass die Entscheidung unter Berücksichtigung aller Bedürfnisse getroffen wird. Wichtig ist dann für das Kind, dass da eine erwachsene Person ist, die diese Enttäuschung annehmen kann, ohne zu moralisieren, zu kritisieren oder auch zu manipulieren. Es ist einfach doof, wenn wir unsere Wünsche nicht erfüllt kriegen. Punkt. Und dies zu sehen und ernst zu nehmen ist für die gesunde, psychische Entwicklung unserer Kinder ungemein wichtig. Denn auch diese Frustration gehört zum Leben dazu. Und es ist unsere Aufgabe als Bezugsperson, die Kinder in diesem Frust zu begleitet, sie zu Co-Regulieren und ihnen zu zeigen, wie sie sich um sich selbst kümmern können, wenn ihre Wünsche oder dahinterstehende Bedürfnisse gerade unerfüllt bleiben.

Gleichwürdigkeit ist eine innere Haltung gegenüber anderen Menschen. Sie kommt von innen. Nur wenn wir authentisch spüren und wirklich glauben, dass wir alle von gleichem Wert und gleicher Würde sind, kommt das Gefühl bei meinem Gegenüber auch an, ernst genommen und gehört und gesehen zu werden. Missbrauche ich diese Haltung als Manipulationsmöglichkeit, damit ich „meinen Plan“ für den Nachmittag durchbringe, werden die Kinder das spüren und sich (noch mehr) in Widerstand begeben. Wenn ich Gleichwürdigkeit leben möchte, brauche ich die Offenheit für andere Lösungen als jene, die mir gerade vorschwebt. Und wenn mir das gelingt: Dann werden auch die Kinder offen sein, Lösungen zu finden, die nicht ihrem ersten Wunsch entsprechen.

Diese Art des Dialogs will gelernt sein. Deshalb: auch wenn es nicht auf Anhieb und jedes Mal gelingt: Wir lernen alle dazu und das Klima in der Familie und unserer Gesellschaft wird sich hin zu mehr gegenseitigem Respekt und Wertschätzung wandeln und dadurch werden wir die kleineren und grösseren Konflikte und Krisen meistern – gemeinsam und auf Augenhöhe. So legen wir den Grundstein für starke, selbstbewusste Persönlichkeiten und harmonische Beziehungen – in der Familie und darüber hinaus.

Silvia Zwick ist ganzheitliche Gesundheitsberaterin und schreibt ihn ihren Artikeln zu verschiedenen (Familien-) Alltagsthemen. Mehr über die breit ausgebildete systemische Beraterin findest du in der Unterseite über mich.

Silvia Zwick

Dipl. Physiotherapeutin, Dipl. Ernährungsberaterin EMR i.A., systemische Coach und Organisationsentwicklerin ISI, MAS in Prävention und Gesundheitsförderung, Zertifizierte Emotionscode-Anwenderin

Selbständige ganzheitliche Gesundheitsberaterin

vor Ort und Online

Praxis in Engwang / Schweiz